"Schöne Seele" oder sogar "Gott" - Frauen, Liebe und Tod bei Novalis


28. September 2008 - 30. August 2009


Die wahre Liebe ist nicht eine einzelne Blume die gefunden wird und welkt, sondern ein wunderbares Hervorbringen von großen und kleinen Lebensblumen zu einem Ganzen.
[F. Schlegel]

Die wahre Liebe ist nicht eine einzelne Blume, sondern eine vegetabilische Fabrik.
[F. v. Hardenberg. III, 88]

Sie stammen aus dem Kreis der Familie (Mutter und Schwestern), aus dem Kreis der akademischen Lehrer und Freunde, aus dem der Künstler- und Dichterfreunde, Dichterinnen und Malerinnen - jene Frauen, die Friedrich von Hardenberg (Novalis) in den kurzen, höchst intensiv gelebten 29 Lebensjahren kennen lernte, die ihn begleitet, zum Teil an seiner Seite gelebt haben; sie waren Gefährtinnen, Freundinnen, alle haben sie ihn in ihrer Individualität inspiriert.

Unterschiedlich in Alter und Stand repräsentieren sie das zeitgemäße Verständnis von der Rolle der Frau um 1800. Friedrich von Hardenberg begegnete in ihnen traditionellen oder aber ganz modernen Vorstellungen und Ansprüchen von Leben, Liebe und Wirkungsmöglichkeiten der Frau.

Von den Gedichten der Jugendzeit an ist Liebe das zentrale Thema des Dichters Novalis. Gespräche, kleine Affären, Briefwechsel, Dichtungen und theoretische Äußerungen sind überliefert, die belegen, was ihm August Cölestin Just 1797 bescheinigte:

"Sie sind ein Liebhaber schöner Frauen."

Hardenbergs Gedanken in theoretischen Fragmenten wie auch seine Dichtungen kreisen in Anlehnung an aufklärerisches Denken um ein philosophisches (moralisches) und ein staatsgeschichtliches Ideal der Frau, dessen Verkörperung er um 1797 in Luise von Preußen sieht.

Die zeitgenössische Sprachregelung vom "Frauenzimmer", von "Weiberverstand und Weibertugend" (Isaak Iselin) findet sich neben der von der "schönen Seele" nach dem Vorbild von Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" wieder.

Auf die Frau als "Sklavin" oder als "Leben im Naturstand" wird in der Terminologie Rousseus angespielt; die Rede schließlich ist von der Frau in der Poesie, in der Mythologie, von "Frauenphilosophie", von "Gott als Frau".

Es sind auch bestimmte Frauentypen erkennbar, die auf Friedrich von Hardenberg Wirkung hatten: der mütterliche Typus, die Vertraute als Schwester und Freundin, die gebildete und streitbare, besonders die bildsame und bildungsfähige Frau (seine sehr junge Braut Sophie von Kühn), die poetisierte Frau oder die Idee der Frau (Königin Luise von Preußen).

Die poetische Vision der Frau ließ sich über die christliche Ikonographie ebenso wie über die Mythologie auch mit dem bei Friedrich von Hardenberg konstant reflektierten Kreislauf von Leben, Liebe und Tod verknüpfen. Die "Sixtinische Madonna" und die mythologische Göttin der Natur "Isis" waren dabei von besonderer künstlerischen Faszination für den Dichter.

Das Projekt präsentiert also auf der Basis biographischer und kulturhistorischer Fakten und neuer Dokumente aus dem Familienarchiv, wie sich das Thema Frau um 1800 zu einem gesellschaftlichen Diskursthema, aber auch zu einem Thema mit neuen Akzenten in Literatur und bildender Kunst entwickelt.


© Forschungsstätte für Frühromantik 2008. Text: Gabriele Rommel