All-Tags-Welten des Friedrich von Hardenberg (Novalis)


Ausstellung vom 18. Oktober 2009 bis 31. August 2010

Im Zentrum der Ausstellung standen umfangreiche unbekannte Dokumente aus dem Guts- und Familienarchiv Oberwiederstedt der Familie Hardenberg. Sie gaben interessante Einblicke in die All-Tags-Welten des Juristen, Bergingenieurs und Salinenassessors, des Philosophen und Dichters. Es handelt sich um Zeugnisse aus dem Familienleben auf den Gütern Oberwiederstedt und Schlöben, um Briefe und Gedichte der Geschwister und Eltern, Übungshefte der Kinder und Arbeiten der Hauslehrer in Wiederstedt und Weißenfels, handschriftliche Entwürfe zum »Dichtergarten« der unter dem Pseudonym Rostorf und Sylvester dichtenden Brüder Karl und Anton, Interessantes über die Persönlichkeiten des engeren Familienkreises, die in die Erziehung und Bildung der Kinder im Hause Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenbergs maßgebend eingebunden waren, sowie Dokumente nach 1801, die eine lange und unterschiedlichsten Interessen folgende Beschäftigung mit dem Dichterbruder und seinem Werk belegen. Einiges Neue über die Geschichte des Gutes und des Amtes Oberwiederstedt sowie über die Rolle von Landgütern und Städten im Lebenskonzept des Herrnhuters Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg verbindet die Dokumente wie Mosaiksteine zu regionalgeschichtlichen, kulturgeschichtlichen und biographischen Szenen aus den All-Tags-Welten des Friedrich von Hardenberg.
Aus der Perspektive der im Gutsarchiv sowie in anderen Archivbeständen versammelten Urkunden, Büchern und Handschriften wurde das Leben Friedrich von Hardenbergs auch an den Universitäts- bzw. Akademieorten Jena, Leipzig, Wittenberg und Freiberg beleuchtet. Im thüringischen Tennstedt absolvierte er sein erstes juristisches Praktikum bei dem angesehenen Kreisamtmann Just, einem hervorragenden praktischen Juristen seiner Zeit. Erstmals sind auch Tennstedter Amtsbücher von 1794 bis 1796 zu sehen gewesen.


Friedrich von Hardenberg (Novalis) über den Alltag:

Unser Alltagsleben besteht aus lauter erhaltenden, immer wiederkehrenden Verrichtungen. Dieser Zirkel von Gewohnheiten ist nur ein Mittel zu einem Hauptmittel, unserm irrdischen Daseyn überhaupt - das aus manichfachen Arten zu existiren, gemischt ist.
Philister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einziger Zweck zu seyn. [...]
(Blütenstaub, 76, II 446)

Unter ihren Händen starb die freundliche Natur, und ließ nur todte, zuckende Reste zurück, dagegen sie vom Dichter, wie durch geistvollen Wein, noch mehr besselt, die göttlichsten und muntersten Einfälle hören ließ, und über ihr Alltagsleben erhoben, zum Himmel stieg, tanzte und weißsagte, jeden Gast willkommen hieß, und ihre Schätze frohen Muths verschwendete.
(Lehrlinge zu Sais, I, 84)

Jezt schein ich ebenfalls kalt und zu sehr in der Stimmung des Alltagslebens zu seyn.
(Journal, Tennstedt 1797, 4. May, II 33)

Schiller, der mehr ist, als Millionen AlltagsMenschen, [...]
(an Reinhold 5. Okt.1791, IV, 93)

Ob sich nicht etwas für die neuerdings so sehr gemißhandelten Alltagsmenschen sagen ließe?
(Blütenstaub 44, II 430)

[...] ich treibe mich überhaupt in diesem Briefe viel mit Alltagsideen herum [...]
(der Bruder Erasmus an Friedrich von Hardenberg, 28. Nov. 1794, IV, 367)

Man sieht nun aus bemooßten Trümmern
Eine wunderseltsame Zukunft schimmern
Und was vordem alltäglich war
Scheint jetzo fremd und wunderbar [...]
(Heinrich von Ofterdingen 2. Teil, HKA I,318)

Diese Notate sind bei unterschiedlichsten Gelegenheiten aufgezeichnet worden, für die erste Sammlung von aus seiner Sicht bemerkenswerten und zur Veröffentlichung geeigneten »Fragmenten« hat Friedrich von Hardenberg (Novalis) 1798 einige unter dem Titel Blütenstaub zusammengefasst. Andere sind in Briefen enthalten, ins Tagebuch geschrieben. Zwei finden sich in den Romanen Die Lehrlinge zu Sais und Heinrich von Ofterdingen. Eine Notiz stammt allerdings aus der Feder des jüngeren Bruders Erasmus, der sich in seinem langen Brief von 1794 Sorgen über die arg junge Braut macht, die sich Friedrich in Sophie von Kühn gewählt hatte.
Jede der Aufzeichnungen berührt einen besonderen Aspekt jener All-Tags-Welten, in die der junge Hardenberg eingebunden war: die ganz persönliche, private und familiäre Welt, die geschäftige Welt des Berufes, die Welt der Gelehrten, der Künstler und Dichter, der Freunde, schließlich die ganz eigene Welt der Poesie. Nach sieben Jahren der Studien in verschiedenen Disziplinen stand Friedrich von Hardenberg 1798/99 am Beginn einer harten aber verheißungsvollen Berufslaufbahn.
Was er an diesem Wendepunkt Kritisches über den studierten und erlebten All-Tag dachte, spricht für ein außerordentlich geschärftes Bewusstsein vom Leben seiner Zeit. Die ironischen Seitenhiebe auf den »Alltagsmenschen« fordern die kritische Betrachtung heraus. Und wie scheinbar bequem geht es sich über das poetische Brückchen in die wunderbare Zauberwelt jenseits des Alltäglichen ... Nur findet man auf der anderen Seite der Brücke keine wirklich andere Welt, nur den anderen, ungewohnten Blickpunkt, der den All-Tag nicht mehr gewöhnlich, sondern geheimnisvoll und bedeutend erscheinen lässt, der uns herausfordert und neugierig macht, weil er das Gewohnte in eine andere Dimension rückt, dem Leben einen höheren Sinn verleiht.
Hardenbergs (Novalis’) Zauberstab der Poetisierung oder Romantisierung des Alltäglichen, wie er sein dichterisches Grundprinzip bezeichnet, ist eine ästhetische Idee, die gerade in jenen intensiv gelebten All-Tags-Welten verwurzelt ist.

© Forschungsstätte für Frühromantik 2009. Text: Gabriele Rommel