Natur im Kasten

Eine Ausstellung des Ernst-Haeckel-Hauses Jena / Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik / im Novalis-Museum Schloss Oberwiederstedt von März bis September 2011

Diverse Erfindungen von Geräten und Verfahren, die dazu dienten, die Natur „im Kasten“ sichtbar zu machen, sind, so die Initiatoren und Autoren der Ausstellung Olaf Breidbach, Kerrin Klinger und André Karliczek, eine Errungenschaft des Jahrhunderts der Aufklärung, in dem sich um 1800 auch Novalis auf eigene Weise in die fachlichen Diskussionen der verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen einschaltete. Er las fast alles, was an Neuem über Physik (Magnetismus, Elektrizitätslehre) erschien, über Astronomie und Mathematik, über Chemie und Medizin und Zoonomie (Biologie) - Disziplinen, deren Ausdifferenzierung zu selbständigen Wissenschaftszweigen im 18. Jahrhundert europaweit von einem rasanten Wachstum an Entdeckungen, neuen experimentellen Methoden und Erkenntnissen voran getrieben wurde. Und er kommentierte diesen Prozeß in Studienheften, Materialsammlungen von Fragmenten und wendete vieles schließlich in seiner eigenen Berufstätigkeit bei den sächsischen Salinen und Bergwerken an.

Hypothesen sind Netze - nur der wird fangen, der auswirft.

Ist nicht Amerika selbst durch Hypothese gefunden?

Hoch und vor allen lebe die Hypothese - nur sie bleibt

Ewig neu, so oft sie sich auch selbst nur besiegte.

Das ist eine der Thesen, die Novalis (eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg) 1798 in einem Distichon formulierte. Sein Netzwerk von 1151 Schlagworten und (fragmentarischen) Kurzartikeln, die den Weg zu einem umfassenden Naturverständnis beschreiben sollten, bildete die Struktur einer Enzyklopädie aller Wissenschaften und Künste.

Im Fokus seines Interesses an der Entdeckung und Entfaltung der vielseitigen Anlagen und Fähigkeiten des Menschen, an einem gesunden und moralischen Verhältnis zur Natur standen die geistige Schule und das Training des Sehens. Nur so war die Chiffrenschrift der Natur zu entschlüsseln. Durch sie offenbart sich unendlich vielgestaltig das Geheimnis der Natur, die unser Ursprung ist und nach der wir ein Leben lang suchen.

Peter Heckwolf hat nach Abbildungsverfahren solcher Chiffren gesucht und unter anderem in seinem Künstlerbuch Textoriusum (der lateinische Name für „Netz“!) „in der Natur vorgefundene feine Spinnennetze“ in einem Originalabdruck „lesbar“ gemacht.

Reizvolle Blaudrucke oder Cyanotypieen verweisen in der Ausstellung auf die Rolle der Farbe und des Lichts in der Natur und in der abbildenden Kunst. Wenn Novalis schließlich die Optik als die „Mathematik des Lichts“ verstehen will, richtet sich sein kundiger Blick bereits auf die um 1800 probaten technischen Hilfsmittel zur Abbildung von Natur, wie etwa die Camera obscura, die die Ausstellung des Ernst-Haeckel-Hauses Jena präsentiert. Das Jenaer Projekt ist Ergebnis der Arbeit des Sonderforschungsbereiches 482 „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“.

Es erwartet Sie eine Kabinettschau der besonderen Art, reich an Informationen über Instrumente-Experimente-Akteure, ebenso reich an Anregungen, auch an Möglichkeiten, selbst zu probieren, wie man die Natur „in den Kasten“ bekommt - und von dort auf Papier.