Die Imaginäre Bibliothek

„Ich möchte eine ganze Büchersammlung, aus allen Kunst, und Wissenschaftsarten, als Werck meines Geistes, vor mir sehn.“ (1) - Novalis

Museen sind, das ist kein Geheimnis, Orte der Erinnerung, zumal, wenn sie über eine Büchersammlung verfügen.(2) So, wie Archive für Friedrich von Hardenberg als „Gedächtnis des Staates“ galten. Ein Jahr nach ihrer Gründung (am 2. Mai 1992) entschloss sich die Internationale Novalis-Gesellschaft 1993 unter der Leitung ihres Gründungspräsidenten Hans Joachim Mähl zu einem besonderen und von vornherein auf viele Jahre konzipierten Projekt: es sollten alle Bücher, die Novalis besessen hatte und die nachweislich Grundlage zu den verschiedenen theoretischen, naturwissenschaftlich-technischen und poetischen Arbeiten Friedrich von Hardenbergs bildeten, gesammelt und in einer imaginären Novalis-Bibliothek als Kern der im Aufbau befindlichen wissenschaftlichen Spezialbibliothek im geretteten und damals in Rekonstruktion befindlichen Geburtshaus des Juristen, Philosophen, Bergmanns und Dichters eingestellt werden. Die Bibliothek wurde im Nebenraum zu dem ehemaligen großen Wohnraum im Schloss eingerichtet, der heute als Festsaal für Konzerte und wissenschaftliche Tagungen genutzt wird.
Das Projekt hat beachtliche Gestalt angenommen. Während sich unter anderem die Fritz-Thyssen-Stiftung an der Förderung des Aufbaus der inzwischen ca. 5000 Bände sowie eine Mikroficheedition von 400 seltenen Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts umfassenden Forschungsbibliothek beteiligte, trugen Mitglieder und Freunde der Internationalen Novalis-Gesellschaft, private Sponsoren und Sonderförderungen des Landes Sachsen-Anhalt, des Bundes und der Thyssen-Stiftung dazu bei, daß die imaginäre Novalis-Bibliothek heute bereits über 100 seltene und wertvolle Bände zählt, die nicht nur für Novalisforscher aus den USA und Japan ein Anziehungspunkt sind.
Es handelt sich in der Regel um Erstausgaben, zeitgenössische Ausgaben und reprographische Nachdrucke. Eine Besonderheit stellt die erste Ausgabe der von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck herausgegebenen Schriften dar, die aus dem Besitz von Novalis’ Bruder Georg Anton von Hardenberg stammt, aus dem sie offenbar an dessen Tochter Sophie als eine der späteren Nachlassverwalterinnen (3) ging und die ihren Schriftzug eintrug. Georg Anton stützt sich auf dem überlieferten Ölporträt (Novalis-Museum) auf die beiden Bände der Erstausgabe der Schriften seines Bruders.
„Nicht nur die Menschen, sondern auch Bücher haben ihre Schicksale“, (4) so schreibt Gerhard Schulz, der seit 1960 zusammen mit Richard Samuel und Hans-Joachim Mähl die historisch-kritische Ausgabe der Schriften Friedrich von Hardenbergs (Novalis) auf den Weg brachte. In der Tat spiegelt sich in dieser Ausgabe das Schicksal der Autographen und damit auch ein beachtliches Stück ihrer komplizierten und sehr langen Editionsgeschichte (5), zugleich liegt darin auch das verborgene Schicksal der Bücher. Schon 1930 war ein großer Teil der noch in Wiederstedt befindlichen Autographen in Berlin zur Versteigerung gekommen (6). Er konnte zurückerworben werden und wird seither im Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main verwahrt, in dem die Internationale Novalis-Gesellschaft Mitglied ist.
Ein ähnlich aufregendes Schicksal war den Hardenbergischen Büchern auf Schloß Oberwiederstedt bestimmt: Was aus dem nicht mehr genau zu ermittelnden Bestand Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenbergs noch verblieben war, kam mit der Bodenreform 1945 in einem abenteuerlichen Auslagerungsverfahren ohne ermittelbare Verzeichnung in die damalige Landesbibliothek nach Halle. Im Unterschied zu den Handschriften sind diese Bücher nicht mehr auffindbar.
Vor Antritt seines Studiums hatte der junge Friedrich von Hardenberg 1790 noch verzeichnet, was er nach dem Umzug nach Weißenfels von dort oder von Oberwiederstedt mit zum Studium nach Jena nehmen wollte (7). Und auch von der Bibliothek, die sich auf seinem Zimmer befand, als er am 25. März 1801 in Weißenfels starb, gibt es durch den Bruder Karl eine Liste.
Im Rahmen seiner Forschungen zu Hardenbergs großem Projekt einer Enzyklopädie aller Wissenschaften, wozu das Allgemeine Brouillon als ein Materialkonvolut von ihm angelegt wurde, wies Hans-Joachim Mähl in einer Quellenbibliographie (8) 101 von Hardenberg gelesene und häufig auch exzerpierte Titel nach, und sprach dort erstmals von der „imaginären“ Bibliothek, „die den Brouillon-Aufzeichnungen zugrunde liegt“ (9). Es handelt sich unter anderem um philosophische Hauptwerke Fichtes, Kants und Hemsterhuis’, zum größten Teil jedoch neben Neuerscheinungen von Goethe, Schiller und Friedrich Schlegel um neueste naturwissenschaftliche, erdgeschichtliche und geologische Werke sowie Schriften zur Geschichte der Medizin.
Die seit 1981 deutlich veränderte Quellenlage hat zur Edition des nun nahezu vollständig vorliegenden Jugendnachlasses (10) geführt, durch den Hardenbergs Beschäftigung mit der Literatur des 18. Jahrhunderts, insbesondere der Aufklärung (11), ebenso belegt ist, wie andere Quellen, etwa ein Schulheft aus der Oberwiederstedter Zeit (12), die von dem damaligen Hauslehrer Christian Daniel Erhard Schmid angeleitete und kritisch beurteilte Lektüre und Übersetzung lateinischer Geschichtswerke, hier von Thukydides, ausweisen.
Mit dem Jugendnachlass Friedrich von Hardenbergs sind auch die Schriften aus der Berufstätigkeit, die als sogenannte Salinenschriften bekannt wurden (13), wieder aufgetaucht, in denen eine ganze Reihe von Notizen und aufgelisteten naturwissenschaftlich-technischen und kameralistischen Titeln die bisher bekannten Nachweise gelesener Bücher ergänzt (14). Demnach hat sich Friedrich von Hardenberg 1799-1801 im Zusammenhang seiner salinistischen Arbeiten ausführlich mit Lorenz Crells Zeitschrift Chemische Annalen sowie mit den Beyträgen zu den chemischen Annalen beschäftigt, andererseits zahlreiche geologische Schriften notiert und vor allem umfassend mit dem Bergmännischen Journal gearbeitet, das 2006 mit Hilfe des Landes und der Thyssen-Stiftung als äußerst seltenes komplettes Werk in 16 Bänden für die imaginäre Novalis-Bibliothek erworben werden konnte.
Schon der bisher eingestellte Bestand der imaginären Novalis-Bibliothek bietet sich der Forschung als einzigartige Grundlage für die Auswertung insbesondere der neu edierten Schriften aus der Berufstätigkeit und auch für die naturwissenschaftlich-technischen Studien dar. Die Editionsgeschichte der Werke ist im Übrigen seit Erscheinen der Schriften 1802 in ihren bedeutenden Ausgaben lückenlos dokumentiert.
Darüber hinaus wird der Wissenshorizont Hardenbergs ebenso transparent wie dessen Arbeitsmethode, die sich in der Verbindung verschiedener Wissensbereiche insbesondere während der letzten Lebensjahre bei der Erfüllung diverser beruflicher Aufgaben als Salinenassessor und Bergbauingenieur bewährte. Das Buch steht als Gegenstand häufiger Reflexionen für ihn zum einen immer in Verbindung mit der enzyklopädischen Ordnung des Wissens, wenn er etwa schreibt:„Alle Wissenschaften machen ein Buch aus. Einige gehören zum Register - einige zum Plan etc.“ (15) Zum anderen wird das Buch weit mehr als nur Wissensvermittler, es ist selbst Kunst, das Bücherschreiben oder die „Schriftstellerei“ eine besondere Form der Kunst, etwa wenn er sein eigenes Romanprojekt im frühromantischen Sinn als in ständiger Entwicklung und Teil des Lebens selbst betrachtete, so daß es am Ende eine ganze Bibliothek füllen müsste. Aus allen Aufzeichnungen spricht Hardenbergs intensive Beziehung zum Buch, die sich seit der Kindheit und durch die Möglichkeit, andere, mitunter bedeutende Bibliotheken für sich zu nutzen, entwickelte. Dazu zählen die Gelehrtenbibliotheken von Abraham Gottlob Werner und Charpentier in Freiberg, aber auch die des Juristen August Cölestin Just in Tennstedt, von der es bislang keine Spur gibt. Die wachsende imaginäre Novalis-Bibliothek eröffnet mit ihrem Bestand einige neue Forschungsperspektiven, die nicht nur die Romantikforschung betreffen, sondern auch die Kulturgeschichte des Buches um 1800 tangieren.

(1) Dialog, in: HKA II, S. 664. Die Werke Friedrich von Hardenbergs (Historisch-kritische Ausgabe, HKA) werden nach folgendem Muster zitiert: römische Bandzahl, in arabischen Zahlen Seite: ggf. Nummer eines Fragments oder einer Aufzeichnung.
(2) Michael Knoche: Die Weimarer Bibliothek als Büchersammlung, Museum und Erinnerungsort. In: Anna Amalia, Carl August und das Ereignis Weimar. Klassik Stiftung Weimar 2007. Hrsg. v. Hellmut Th. Seemann, Göttingen 2007, S. 231-243.
(3) Friedrich von Hardenberg (genannt Novalis). Eine Nachlese aus den Quellen des Familienarchivs, herausgegeben von einem Mitglied der Familie. Gotha 1873. Und: Novalis das Werk und seine Editoren. Katalog zur Ausstellung. Hrsg. v. Gabriele Rommel, Wiederstedt 2002, S. 23-46.
(4) Gerhard Schulz: Vorwort zur HKA VI.3, S. XI.
(5) Hans Joachim Mähl: Vorwort zu HKA V, S. VII-XX und Verzeichnis der sog. Salinenschriften (1798-1800). Nach den neu aufgefundenen Handschriften in Krakau, Einleitung, S. 17.
(6) Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg). Der handschriftliche Nachlaß des Dichters. Beschreibendes Verzeichnis von Richard Samuel. Hellmuth Meyer & Ernst / J. A. Stargardt. Berlin 1930. Gerhard Schulz: Vorwort zu HKA VI.3, S. XI-XII.
(7) Bücherliste I (1790) in HKA IV, S. 692, Bücherliste II (1801) HKA IV, S. 695.
(8) Vgl. HKA III, S. 1002-1009.
(9) HKA III, S. 1002.
(10) Vgl. Martina Eicheldinger: Der dichterische Jugendnachlaß 1788-1791. Einleitung. In: HKA VI.1, S. 3-46.
(11) Vgl.: Der dichterische Jugendnachlaß, in: Novalis und die Aufklärung. Katalog zur Ausstellung, Wiederstedt 2004, S. 134-135.
(12) Sonderdruck in Wiederstedter Fragmentblätter 1, 1992.
(13) Gerhard Schulz: Vorwort HKA VI.3, S. XIII-XIV.
(14) Vgl. HKA VI.3: Nr. 26, S. 441-448, sowie S. 483: Nr. 3, S. 433: Nr.24.
(15) HKA III, S. 365: Nr. 571. Allgemeines Brouillon.


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Schloss Oberwiederstedt

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