
Märchen im Alltag - Alltag im Märchen: Werkstätten in Vorbereitung des Festivals der Märchen 2010 auf Schloss Oberwiederstedt
Hintergrund
Für 2009 fanden im Juni zwei Workshops unter dem Thema „Märchen im Alltag - Alltag im Märchen“ statt, weitere sind für den Herbst geplant. Diese sollen als Vorbereitung des für 2010 geplanten Märchenfestivals unter gleichem Namen dienen. Sie begleiten das Thema „Alltag“ der Ausstellung 2009/2010 „Alltagswelten des Friedrich von Hardenberg (Novalis) um 1800“.Das Novalis-Schloss Oberwiederstedt hat mit dem Märchenfest bereits eine Tradition begründet. Wie auch schon 2007, als sowohl Ausstellung und Symposium als auch das Märchenfestival sich unter dem Thema „Orient“ vereinten, besteht 2009/2010 die Möglichkeit der thematischen Annäherung von Märchenfestival und Ausstellung- von Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Museumsarbeit und wissenschaftlicher Forschungsarbeit als gemeinsame Projekte von Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum, Internationaler Novalis-Gesellschaft und Novalis-Stiftung „Wege wagen mit Novalis“, gefördert durch das Land Sachsen-Anhalt. Erstmals wird das Märchenfestival durch Werkstätten vorbereitet.
Das viele Kulturen verbindende Element des Märchens ist prädestiniert, eine gemeinsame Grundlage zu bieten, aus der Auseinandersetzung mit Märchen den Alltag zu verstehen bzw. im Alltag Märchenhaftes zu erkennen. Dabei steht im Interesse der Auseinandersetzung auch der Zugang von Kindern und Jugendlichen zu fremden Kulturen mithilfe von Märchen - sowohl deutscher Kinder und Jugendlicher als auch junger Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben und sich den Zugang auch zur deutschen Kultur erschließen mussten bzw. erst noch erschließen.
Seit der Zeit Novalis’ hat sich nicht nur der Begriff des Märchens, sondern auch der des Alltags verschoben. Um Gemeinsamkeiten zwischen Novalis’ und unserer Zeit, zwischen damaligen und heutigen Märchen und Alltag zu begreifen, auch, um Novalis als Märchenerfinder und seinen Alltag, seine Heimat, sein Umfeld, das Schloss und die Bergwerksregion als Hintergrund seiner Märchen zu verstehen, werden diese Workshops durchgeführt.
Ganz im Sinne des Novalis-Zitats „Alles ist ein Märchen“ sollen die Kinder und Jugendlichen in der Auseinandersetzung mit Märchen und Alltag auch etwas über sich erfahren. Durch die Identifikation mit Märchenfiguren begeben sie sich auf eine Metaebene, bekommen einen indirekten Zugang auch zu eigenen Interessen oder Problemen und lernen dadurch auch, wie sie selbst im Alltag agieren und von anderen wahrgenommen werden. Durch die Verwendung märchenhafter Bilder und Metaphern entsteht ein nachhaltiger Lerneffekt.
Moderne, den Alltag von Kindern und Jugendlichen durchdringende Medien und Kommunikationsformen (Internet, Film, Buch und Computerspiel) werden auf ihre „Märchenhaftigkeit“ untersucht - es soll bewusst werden, dass Märchen nicht nur in alten Märchenbüchern stehen (die von den Kindern und Jugendlichen vielleicht nicht gelesen wurden), sondern dass sie mit diesen Märchenkonzepte in ihrer modernen Umwelt alltäglich zu tun haben.
Zielgruppe
Angesprochen wurden Gymnasien aus der Umgebung - Hettstedt, Sangerhausen, Aschersleben, Querfurt, Eisleben und Köthen, der Termin wurde so gelegt, dass die Schulen die Werkstätten mit ihren Projekttagen verbinden konnten. Aufgrund des großen Interesses entschieden wir uns, 2 Gruppen an jeweils 2 Tagen einzuladen.Grundlage der Arbeit
Grundlage der Arbeit war das Grimmsche Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Ziel der Werkstatt war, die Voraussetzungen zu schaffen, durch eigene Bearbeitung/Verfremdung/Collagierung des Textes ein neues Märchen zu erfinden, das später in einem Hörspiel dramatisiert werden soll. Dieses neue Märchen-Hörspiel bietet dann die Grundlage für eine pantomimische Inszenierung. Und diese Text- und Theaterarbeit wird begleitet von Entwürfen von Kulissen und Kostümen zur Ausgestaltung des Theaterstücks.Werkstatt 1, Gruppe 1, am 18/19.06.2009
Zeit: jeweils 9.00 - 15.00 UhrTeilnehmer: 12 Schüler aus einer 9. Klasse vom „Gymnasium am Markt“ in Hettstedt, in Begleitung der Lehrerin Frau Kindermann
Die Schüler kamen mit dem Bus, dem Fahrrad oder nutzten gar das schöne Wetter und kamen zu Fuß.
Die Werkstatt wurde von Bernhard Sames, freier Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit für die Novalis-Stiftung „Wege wagen mit Novalis“ mit langjähriger Erfahrung in Jugend- und Jugendsozialarbeit mit Unterstützung durch Kurt Quiel, FSJ Kultur am Novalis-Schloss, betreut. Den Jugendlichen wurden einführend die Örtlichkeiten gezeigt, darunter auch die aktuelle Ausstellung und der Schlossgarten als Schauplatz des Märchenfestivals 2010.
Das schöne Wetter erlaubte es, einen Teil der Werkstatt im Freien durchzuführen.
Da die Gruppe klein war, ergab es sich, dass die Gruppe sich für Arbeit mit Texten, Spontan-Theater und erste Gestaltungsversuche nicht aufzuteilen brauchte.
Zunächst wurde Novalis als Märchendichter vorgestellt - und die Atmosphäre und die Umgebung eines Gutshauses im 18. Jahrhundert - mit Kerzen, einigen (wenigen?) Märchenbüchern und vielen, vielleicht grusligen, erzählten Geschichten, in der Novalis aufwuchs. Es wurde die Frage nach der Aktualität von Märchen in heutiger Zeit gestellt - erwartungsgemäß kannte nur eine Schülerin das „Märchen von einem, der auszog ...“. Im gemeinsamen Gespräch wurde festgestellt, dass die Jugendlichen durchaus und vielleicht in größerem Maße als früher von Märchen umgeben sind - ohne das selbst gewusst und mit dem Wort „Märchen“ belegt zu haben - denn gerade im für Jugendliche interessanten Feld von Film, Unterhaltungsliteratur und Computerspielen dominieren Märcheninhalte vor allem unter dem Genrebegriff „Fantasy“ (aber auch „Science Fiction“) - die bekanntesten wurden erörtert: Rowlands „Harry Potter“, Tolkiens „Herr der Ringe“ (jeweils Filme/Bücher), „Star Wars“ (Filme) bzw. das bekannteste Online-Computerspiel „World of Warcraft“. Damit war der Bogen geschlagen vom „Märchen aus alten Zeiten“ hin zu Märchenhaften im modernen Alltag - womit das Thema für die Jugendlichen auf einmal nicht mehr ein „akademisches“ war.
Bernhard Sames begab sich mit den Jugendlichen auf einige Exkurse, die näher an das „Märchen von einem, der auszog ...“ heranführten: Es wurden die Brüder Grimm in ihrem Umfeld mit hugenottischen Einflüssen vorgestellt, ihre Leistung gewürdigt, der Begriff des Volksmärchens vor ihrem Hintergrund diskutiert und auf die Urfassung des „Märchens von einem, der auszog ...“ - „Gut Kegel und Karten“ hingewiesen. Eingeführt und diskutiert wurden auch die Begriffe „Kunstmärchen“ und „romantische Dichtung“ am Beispiel von Novalis’ „Hyazinth und Rosenblütchen“.
Die Arbeit mit Texten wurde während der gesamten Werkstatt mit Elementen des Improvisations- oder Spontantheaters durchgeführt. Diese Form machte das „Publikum“ von der ersten gelesenen Zeile an zu Akteuren und bezog alle Sinne mit ein. Durch diese Formen hatten die Jugendlichen auch die Möglichkeit, durch eigenes praktisches Ausprobieren die Eignung verschiedener Texte und Theaterformen zu testen und wurden damit auch an das Problem der Dramatisierung eines Prosatextes herangeführt - was ihnen sichtlich Freude bereitete.
Elemente der Text- und Theaterarbeit wechselten sich mit Einheiten zur Reflexion des Gelesenen/Gespielten ab. So war der Vergleich der „Urfassung“ des „Märchens von einem, der auszog ...“ mit der durch die Brüder Grimm bearbeiteten hochinteressant. Ebenso spannend waren die Erfahrungen bei dem Versuch der spontanen Dramatisierung von „Hyazinth und Rosenblütchen“ und brachte die Diskussion auf Überlegungen, wie verschiedene Prosatexte in eine dramatische Form überführt werden können.
Schon am ersten Tag - und teilweise nach der Werkstatt zu Hause - entwarfen die Jugendlichen teilweise recht komplexe und auch sehr persönliche bzw. biographische Stücke, die dann gemeinsam gespielt wurden. Hier schlossen sich Gespräche über Gruseln, Angst und Furcht an - auch hier waren die Schülerinnen und Schüler teilweise sehr involviert und sprachen über ihre Lebensängste.
Während der gesamten Werkstatt entstanden bereits gestalterische Entwürfe. Ausgehend von einem Vorschlag der halleschen Künstlerin Susanne Berner wurde der Vorschlag gemacht, bei der Ausgestaltung des Märchenfestivals 2010 das Element der Maske in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür kann das gesamte Publikum einbezogen werden - eine Eintrittskarte in Form einer Rohmaske kann jeder Besucher an Ständen auf dem Festivalgelände selbst gestalten und durch das Tragen der Maske Teil der Gesamtatmosphäre werden. Damit schufen die Jugendlichen Entwürfe Maskenentwürfe, Entwürfe des Eingangsportals und der Bühnengestaltung.
Die Veranstaltung war ein großer Erfolg, auf die Frage hin, wer denn an der nächsten Werkstatt im Herbst wieder teilnehmen wolle, meldeten sich alle - und zwei Mädchen nahmen sogar noch einmal an der Werkstatt der zweiten Gruppe teil!
Werkstatt 1, Gruppe 2, am 22/23.06.2009
Zeit: jeweils 8.45-14.30 UhrTeilnehmer: 30 Schüler im Alter von 12 - 18 Jahren (5./6. Klasse und 11. Klasse) des „Geschwister Scholl Gymnasiums“ in Sangerhausen, unter ihnen eine Schultheatergruppe
Ziel und Anliegen der Werkstatt mit der zweiten Gruppe waren mit denen der ersten Gruppe identisch, auch Themengebiete und Techniken wurden wieder verwendet, wie in der Beschreibung der Werkstatt mit der ersten Gruppe dargestellt.
Diesmal jedoch unterstützte der Schriftsteller Wilhelm Bartsch, Halle, die Arbeit von Bernhard Sames mit der kreativen Text- und Theatergruppe, während die Künstlerin Susanne Berner, Halle, die Gestaltungsgruppe anleitete.
Da das Wetter wechselhaft war, wurden die die Arbeit in den Gruppen in den Schlossräumlichkeiten durchgeführt.
Die 30 Jugendlichen kamen in Begleitung der Lehrerin Frau Horn aus Sangerhausen an beiden Tagen mit einem gemieteten Bus. Der gesamten Gruppe wurden die Örtlichkeiten gezeigt, und Frau Pokorny, Museumspädagogin im Schloss, führte durch die Ausstellung und den Schlossgarten.
Herr Bartsch gab eine Einführung in das gemeinsame Thema, dann teilte sich die Gruppe.
Herr Sames führte die eine Gruppe in ähnlicher Weise wie in der ersten Werkstatt durch die Arbeit am Text mit Improvisationstheater-Elementen, unterstützt von Herrn Bartsch, der auch ein eigenes Werk mit Bezug zum Märchen „Von einem, der auszog ...“ zu Gehör brachte.
Erstaunlich und erfreulich war auch für die Veranstalter, die Gruppendynamik in so heterogenen Gruppen mitzuerleben - 12-18-Jährige, die sich von der Schule bestenfalls vom Sehen kannten und hier, während der Werkstatt, zusammen wuchsen und gemeinsam arbeiteten, schrieben, schauspielerten und gestalteten.
Auch hier gab es im Ergebnis interessante Fragmente von eigenen Stücken. Die Theatergruppe lieh sich am zweiten Tag der Werkstatt Masken der Gestaltungsgruppe, übte drei eigen Stücke mit diesen Masken ein und führte diese am Ende der Veranstaltung der gesamten Gruppe vor - ein wunderschöner Abschluss für zwei weitere Werkstatttage!
Auch hier war die Resonanz groß, die meisten Kinder und Jugendlichen waren so begeistert, dass auch sie im Herbst wieder teilnehmen wollen.





